Autor: · Veröffentlicht: 14.10.2026

„Verhaltenstherapie der Sucht“ von Thomas Schnell – Wie moderne Suchttherapie Veränderung möglich macht

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Buchrezension: Ein wissenschaftlich fundierter Blick auf Abhängigkeit, Veränderungsmotivation und die Möglichkeiten der kognitiven Verhaltenstherapie

Eine Suchterkrankung lässt sich nicht allein durch gute Vorsätze oder einen starken Willen überwinden. Abhängigkeit ist ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Wer dauerhaft etwas verändern möchte, muss deshalb nicht nur sein Konsumverhalten hinterfragen, sondern auch die dahinterliegenden Denk- und Verhaltensmuster verstehen.

Genau hier setzt Thomas Schnell mit seinem Fachbuch „Verhaltenstherapie der Sucht“ an. Die 2024 im Kohlhammer Verlag erschienene zweite, aktualisierte Auflage beschäftigt sich mit den psychotherapeutischen Herausforderungen bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen und zeigt, welche Bedeutung wissenschaftlich fundierte verhaltenstherapeutische Methoden für den Genesungsprozess haben.

Sucht verstehen, statt Betroffene zu verurteilen

Eine besondere Stärke des Buchkonzepts liegt darin, dass Abhängigkeit nicht auf mangelnde Disziplin oder persönliche Schwäche reduziert wird. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, warum Menschen an einem Verhalten festhalten, obwohl ihnen dessen schädliche Folgen häufig bewusst sind.

Dieses Phänomen gehört zu den zentralen Herausforderungen der Suchtbehandlung. Viele Betroffene erleben einen inneren Konflikt: Einerseits möchten sie die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, andererseits verbinden sie den Konsum oder das abhängige Verhalten mit kurzfristiger Erleichterung, Entspannung oder emotionaler Stabilisierung.

In der Fachsprache wird dieser Konflikt als Ambivalenz gegenüber einer Verhaltensänderung bezeichnet.

Schnell widmet dieser Ambivalenz besondere Aufmerksamkeit. Er beschreibt therapeutische Strategien, mit denen Veränderungsbereitschaft gefördert und eine tragfähige Motivation für den weiteren Behandlungsprozess entwickelt werden kann.

Damit greift das Buch eine entscheidende Frage der modernen Suchtpsychotherapie auf: Wie können Menschen dabei unterstützt werden, eine Veränderung nicht nur zu wollen, sondern sie auch langfristig im Alltag umzusetzen?

Kognitive Verhaltenstherapie als Bestandteil der Suchtbehandlung

Die Verhaltenstherapie gehört zu den wissenschaftlich etablierten psychotherapeutischen Behandlungsansätzen bei zahlreichen Suchterkrankungen. Ihr Ausgangspunkt ist die Annahme, dass problematische Verhaltensweisen durch Lernprozesse entstehen, aufrechterhalten und unter geeigneten Bedingungen auch verändert werden können.

Bei einer Abhängigkeit können bestimmte Situationen, Gefühle oder Gedanken einen starken Drang nach Konsum auslösen. Stress, Einsamkeit, zwischenmenschliche Konflikte oder gewohnte Alltagssituationen können beispielsweise zu Risikofaktoren werden.

Die kognitive Verhaltenstherapie setzt unter anderem daran an, solche Zusammenhänge erkennbar zu machen und alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

In seinem Fachbuch stellt Schnell evidenzbasierte verhaltenstherapeutische Interventionen vor und verbindet sie mit Erkenntnissen der psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung.

Damit geht es nicht ausschließlich um den Verzicht auf Suchtmittel oder die Unterbrechung problematischer Verhaltensweisen. Entscheidend ist auch, welche psychologischen Bedingungen eine nachhaltige Veränderung ermöglichen.

Warum Veränderungsmotivation so wichtig ist

Nicht jeder Mensch beginnt eine Suchtbehandlung mit einer klaren Entscheidung für dauerhafte Abstinenz. Manche Betroffene suchen zunächst Hilfe, weil ihre Beziehung zerbrochen ist, gesundheitliche Beschwerden auftreten oder berufliche Schwierigkeiten zunehmen.

Andere erkennen zwar die negativen Folgen ihrer Abhängigkeit, können sich ein Leben ohne das bisherige Suchtverhalten jedoch kaum vorstellen.

Gerade in solchen Situationen ist eine therapeutische Haltung erforderlich, die weder moralisiert noch die Verantwortung der Betroffenen ausblendet.

Das Buch beschäftigt sich mit erprobten Strategien zum Aufbau von Veränderungsmotivation. Der Ansatz macht deutlich, dass Motivation nicht ausschließlich als Voraussetzung für eine Behandlung betrachtet werden sollte. Sie kann sich auch innerhalb eines therapeutischen Prozesses entwickeln und festigen.

Für die Praxis der Suchthilfe ist dieser Gedanke besonders relevant. Denn eine wirksame Behandlung muss Menschen dort erreichen, wo sie sich in ihrem persönlichen Veränderungsprozess tatsächlich befinden.

Mehr als Abstinenz: Lebensqualität und persönliche Perspektiven

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buches ist die Orientierung an der Lebensqualität.

Die Überwindung einer Abhängigkeit bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Schwierigkeiten des bisherigen Lebens verschwinden. Häufig müssen Betroffene neue Wege finden, mit Belastungen umzugehen, Beziehungen zu gestalten und persönliche Bedürfnisse wahrzunehmen.

Deshalb reicht es aus therapeutischer Sicht nicht immer aus, ausschließlich das problematische Verhalten zu reduzieren oder zu beenden.

Langfristige Stabilisierung setzt auch voraus, dass das Leben außerhalb der Abhängigkeit als sinnvoll, befriedigend und lebenswert erlebt werden kann.

Schnell berücksichtigt diesen Zusammenhang, indem er die individuelle Lebensgestaltung und die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse als wichtige Perspektiven der Suchttherapie einbezieht.

Gerade dieser Ansatz macht das Buch für die moderne Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen interessant: Der Blick richtet sich nicht allein auf die Symptome der Erkrankung, sondern ebenso auf die Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens.

Aktualisierte Fachinformationen zur ICD-11

Die zweite, aktualisierte Auflage aus dem Jahr 2024 berücksichtigt Änderungen im Zusammenhang mit der ICD-11, der internationalen Klassifikation von Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation.

Für Fachkräfte ist dies ein relevanter Bestandteil, da diagnostische Einordnungen und die fachliche Beschreibung von Suchterkrankungen eine wichtige Grundlage der klinischen Arbeit bilden.

Die Berücksichtigung aktueller Klassifikationsstandards unterstreicht den wissenschaftlichen Anspruch des Buches und erhöht seinen Nutzen für Studium, Ausbildung und psychotherapeutische Praxis.

Für wen ist das Buch geeignet?

„Verhaltenstherapie der Sucht“ richtet sich in erster Linie an psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Fachkräfte in der Suchtbehandlung sowie Menschen in psychotherapeutischer Ausbildung. Auch Studierende der Psychologie finden hier eine fachliche Grundlage für die Auseinandersetzung mit verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen.

Für interessierte Angehörige und Betroffene kann das Buch ebenfalls aufschlussreich sein, sofern sie bereit sind, sich mit wissenschaftlicher und psychotherapeutischer Fachsprache auseinanderzusetzen.

Als klassischer Selbsthilferatgeber ist es dagegen nicht konzipiert.

Kritische Einordnung: Was zeichnet das Fachbuch aus?

Der besondere Wert der Veröffentlichung liegt in der Verbindung von therapeutischer Praxis, Veränderungsmotivation und wissenschaftlicher Wirksamkeitsforschung.

Positiv hervorzuheben ist die konsequente Orientierung an einem differenzierten Verständnis von Abhängigkeit. Die Behandlung wird nicht als einfacher Prozess dargestellt, bei dem Einsicht zwangsläufig zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führt. Vielmehr steht die therapeutische Arbeit mit inneren Konflikten, individuellen Bedürfnissen und psychologischen Veränderungsprozessen im Mittelpunkt.

Eine Einschränkung ergibt sich aus der fachlichen Ausrichtung. Wer konkrete Alltagstipps in einfacher Sprache, persönliche Genesungsberichte oder eine leicht verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitung sucht, gehört nicht zur primären Zielgruppe dieser Veröffentlichung.

Mit 201 Seiten bietet das Buch einen vergleichsweise kompakten Zugang zu einem anspruchsvollen Themengebiet. Es kann als fachliche Orientierung dienen, ersetzt jedoch weder umfassende psychotherapeutische Ausbildungswerke noch die praktische klinische Erfahrung.

Fazit: Ein empfehlenswertes Fachbuch über die psychologischen Grundlagen der Suchttherapie

Thomas Schnells „Verhaltenstherapie der Sucht“ behandelt eine der entscheidenden Fragen in der Arbeit mit abhängigkeitskranken Menschen: Wie entstehen nachhaltige Veränderungen, wenn Wissen über die schädlichen Folgen einer Abhängigkeit allein nicht ausreicht?

Die Veröffentlichung macht deutlich, welche Bedeutung Motivation, therapeutische Beziehung, wissenschaftlich überprüfte Interventionen und individuelle Lebensperspektiven für die Behandlung haben.

Besonders überzeugend ist die Ausrichtung auf eine Suchttherapie, die Betroffene nicht ausschließlich über ihre Erkrankung definiert, sondern ihnen Möglichkeiten zur Entwicklung neuer Verhaltensweisen und Lebensperspektiven eröffnet.

Unsere redaktionelle Einschätzung: Ein fachlich relevantes und empfehlenswertes Buch für alle, die sich beruflich oder im Rahmen einer vertieften fachlichen Auseinandersetzung mit moderner Verhaltenstherapie bei Suchterkrankungen beschäftigen möchten.


Bibliografische Angaben

Buchtitel: Verhaltenstherapie der Sucht
Autor: Prof. Dr. Thomas Schnell
Verlag: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Erscheinungsjahr: 2024
Auflage: 2., aktualisierte Auflage
Umfang: 201 Seiten
ISBN: 978-3-17-044107-1
Buchreihe: Sucht: Risiken – Formen – Interventionen
Fachgebiet: Suchttherapie, Klinische Psychologie, Psychotherapie, Verhaltenstherapie

Weitere Informationen und Leseprobe:
https://shop.kohlhammer.de/verhaltenstherapie-der-sucht-44107.html

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