Buchbesprechung 2026: Ein moderner Ansatz zwischen Psychotherapie, psychischen Begleiterkrankungen, Beziehungsgestaltung und praktischer Suchthilfe
Eine Suchterkrankung betrifft niemals nur den Konsum einer Substanz oder ein bestimmtes Verhalten. Hinter einer Abhängigkeit stehen häufig psychische Belastungen, biologische Prozesse, unerfüllte Bedürfnisse und schwierige soziale Lebensbedingungen. Wer Menschen mit einer Suchterkrankung wirksam unterstützen möchte, muss deshalb weit mehr verstehen als die unmittelbaren Symptome ihrer Abhängigkeit.
Genau diesen Ansatz verfolgt der Psychologische Psychotherapeut Christian Lorenz in seinem 2026 bei Springer erschienenen Fachbuch „Integrative Suchttherapie – Störungs- und Behandlungswissen für die tägliche ambulante und stationäre Arbeit“.
Das Werk verbindet medizinisches Grundlagenwissen, psychologische Erklärungsmodelle und therapeutische Handlungsmöglichkeiten. Im Mittelpunkt steht eine Suchtbehandlung, die Betroffene nicht auf ihre Erkrankung reduziert, sondern körperliche, psychische und soziale Zusammenhänge berücksichtigt.
Besonders bemerkenswert ist die konsequent respektvolle Perspektive auf Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Anstelle moralischer Bewertungen stellt Lorenz die Frage, wie Fachkräfte auch in schwierigen Behandlungssituationen eine wirksame und tragfähige therapeutische Beziehung gestalten können.
Sucht verstehen: Warum Abhängigkeit keine Frage der Willensschwäche ist
Noch immer wird Sucht in gesellschaftlichen Diskussionen häufig mit mangelnder Selbstkontrolle oder fehlender Disziplin gleichgesetzt. Solche Vorstellungen verkennen jedoch die tatsächliche Komplexität von Abhängigkeitserkrankungen.
Lorenz behandelt Sucht als eine Erkrankung, deren Entstehung und Aufrechterhaltung aus verschiedenen Perspektiven verstanden werden müssen.
Dabei berücksichtigt er sowohl psychologische Mechanismen als auch neurobiologische Zusammenhänge.
Ein wichtiger Gedanke des Buches besteht darin, dass süchtiges Verhalten auch als kurzfristiger Versuch verstanden werden kann, grundlegende psychische Bedürfnisse zu regulieren.
Menschen greifen beispielsweise zu Alkohol, Drogen oder bestimmten Verhaltensweisen, um innere Anspannung zu reduzieren, schmerzhafte Gefühle vorübergehend zu vermeiden oder ein Gefühl emotionaler Sicherheit herzustellen.
Was zunächst als Entlastung erlebt wird, kann langfristig zu einer zunehmenden Abhängigkeit führen.
Dieser Zusammenhang ist therapeutisch bedeutsam. Denn wenn ein Suchtmittel eine bestimmte psychologische Funktion erfüllt, reicht es häufig nicht aus, ausschließlich den Konsum zu unterbinden. Es müssen zugleich andere Möglichkeiten entwickelt werden, mit Belastungen, Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen.
Die integrative Perspektive setzt deshalb nicht erst bei der sichtbaren Abhängigkeit an, sondern fragt nach den Bedingungen, die das problematische Verhalten begünstigen und aufrechterhalten.
Die Psychologie der Sucht: Was hinter dem Konsumverhalten steckt
Ein eigener Abschnitt des Buches beschäftigt sich mit der Psychologie der Sucht.
Hier eröffnet sich eine wichtige Perspektive auf die inneren Konflikte abhängigkeitserkrankter Menschen.
Viele Betroffene wissen, dass ihr Verhalten gesundheitliche, familiäre oder berufliche Schwierigkeiten verursacht. Trotzdem fällt es ihnen schwer, eine dauerhafte Veränderung umzusetzen.
Dieses scheinbar widersprüchliche Verhalten lässt sich unter anderem durch die kurzfristig verstärkenden Wirkungen des Konsums erklären.
Die Aussicht auf unmittelbare Erleichterung kann stärker wirken als die gedanklich durchaus verstandenen langfristigen Risiken.
Hinzu kommen Gewohnheiten, emotionale Auslöser und erlernte Bewältigungsmuster.
Für die therapeutische Praxis folgt daraus eine entscheidende Erkenntnis: Wissen über die Gefahren einer Abhängigkeit führt nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung.
Eine wirksame Behandlung muss vielmehr helfen, die Funktion des Suchtverhaltens zu verstehen und neue Möglichkeiten der Emotionsregulation und Problembewältigung aufzubauen.
Therapeutische Haltung: Warum die Sprache über Erfolg und Misserfolg mitentscheidet
Einen besonders interessanten Schwerpunkt bildet das Kapitel „Haltung, Ziele & Sprache“.
In der Suchttherapie entscheidet nicht allein die Wahl einer therapeutischen Methode über die Qualität der Behandlung. Ebenso wichtig ist, wie Fachkräfte mit Betroffenen sprechen, auf Widerstände reagieren und gemeinsame Behandlungsziele entwickeln.
Menschen mit Suchterkrankungen erleben häufig Scham, Schuldgefühle und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Eine abwertende oder moralisierende Kommunikation kann diese Belastungen verstärken und den Zugang zu professioneller Hilfe erschweren.
Lorenz setzt deshalb auf eine wertschätzende, entstigmatisierende und beziehungsorientierte therapeutische Haltung.
Dabei geht es nicht darum, problematisches Verhalten zu verharmlosen. Vielmehr sollen Fachkräfte lernen, Schwierigkeiten klar anzusprechen, ohne den Menschen hinter der Erkrankung abzuwerten.
Diese Unterscheidung ist wesentlich.
Eine professionelle therapeutische Beziehung benötigt sowohl Empathie als auch klare Orientierung.
Für die tägliche Arbeit in Suchtberatungsstellen, Fachkliniken und ambulanten Therapieeinrichtungen ist dieser Ansatz von hoher praktischer Relevanz.
Ambivalenz und Rückfälle: Warum Genesung selten geradlinig verläuft
Eine der größten Herausforderungen der Suchtbehandlung besteht darin, dass Veränderung häufig von Unsicherheit und widersprüchlichen Gefühlen begleitet wird.
Betroffene können gleichzeitig den Wunsch verspüren, ihre Abhängigkeit zu überwinden, und Angst vor einem Leben ohne das gewohnte Suchtmittel haben.
Auch erneute Konsumereignisse können während eines längerfristigen Veränderungsprozesses auftreten.
Lorenz berücksichtigt solche Situationen ausdrücklich als Herausforderungen, mit denen eine professionelle Behandlung umgehen muss.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu vereinfachten Vorstellungen, wonach eine erfolgreiche Therapie ausschließlich an einem störungsfreien, kontinuierlichen Verlauf erkennbar sei.
Ein Rückfall kann erhebliche gesundheitliche und psychosoziale Folgen haben und muss deshalb ernst genommen werden. Er bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sämtliche bisherigen Behandlungsschritte wertlos geworden sind.
Entscheidend ist, wie das therapeutische Vorgehen an die veränderte Situation angepasst wird, welche Auslöser erkannt werden und welche Unterstützung notwendig ist.
Die integrative Suchttherapie betrachtet den Behandlungsprozess damit nicht als starres Schema, sondern als individuelle Entwicklung mit unterschiedlichen Herausforderungen.
Praktisches Handwerkszeug für die ambulante und stationäre Suchthilfe
Besonders praxisorientiert ist das Kapitel „Handwerkszeug für den Alltag“.
Der Titel verdeutlicht einen zentralen Anspruch des Buches: Wissenschaftliches Wissen soll nicht allein theoretisch vermittelt werden, sondern Fachkräften in konkreten Behandlungssituationen Orientierung geben.
Im Alltag der Suchthilfe treffen Therapeutinnen und Therapeuten auf sehr unterschiedliche Problemstellungen.
Manche Menschen suchen freiwillig Unterstützung und verfügen bereits über eine ausgeprägte Veränderungsmotivation. Andere kommen unter erheblichem äußerem Druck in Behandlung oder stehen einer Therapie zunächst skeptisch gegenüber.
Zusätzlich können gesundheitliche Beschwerden, psychische Krisen, familiäre Schwierigkeiten und soziale Belastungen den therapeutischen Verlauf beeinflussen.
Ein integriertes Behandlungskonzept muss deshalb ausreichend flexibel sein, um unterschiedlichen Ausgangslagen gerecht zu werden.
Die praktische Ausrichtung des Buches ist insbesondere für Berufsgruppen interessant, die regelmäßig Entscheidungen unter schwierigen klinischen Bedingungen treffen müssen.
Substanzabhängigkeiten und Verhaltenssüchte gemeinsam betrachten
Lorenz beschränkt die Betrachtung nicht ausschließlich auf Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.
Ein eigenes Kapitel widmet sich „Substanzen und Verhaltenssüchte“.
Damit berücksichtigt das Buch, dass sich suchtbezogene Probleme in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigen können.
Während bei substanzbezogenen Störungen psychoaktive Stoffe wie Alkohol, Opioide oder andere Drogen im Mittelpunkt stehen, können bei Verhaltenssüchten bestimmte wiederkehrende Handlungen eine zentrale Rolle einnehmen.
Trotz unterschiedlicher diagnostischer Voraussetzungen bestehen teilweise vergleichbare psychologische Prozesse, beispielsweise im Zusammenhang mit Belohnungserwartungen, Kontrollverlust und der Aufrechterhaltung problematischen Verhaltens.
Für die therapeutische Praxis ist es deshalb sinnvoll, sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zu berücksichtigen.
Nicht jede intensive oder häufig ausgeübte Tätigkeit ist allerdings eine Suchterkrankung. Entscheidend bleiben die jeweiligen diagnostischen Kriterien und die tatsächlichen Beeinträchtigungen.
Komorbiditäten: Wenn Sucht nicht die einzige Erkrankung ist
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches liegt auf den sogenannten Komorbiditäten.
Darunter versteht man das gleichzeitige Auftreten verschiedener Erkrankungen oder Störungen.
Bei Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen können beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen hinzukommen.
Diese Kombinationen stellen die Behandlung vor besondere Herausforderungen.
Psychische Beschwerden können den Substanzkonsum verstärken, während eine bestehende Abhängigkeit wiederum die psychische Stabilität beeinträchtigen kann.
Wird ausschließlich das Suchtverhalten behandelt, ohne relevante Begleiterkrankungen angemessen zu berücksichtigen, können wichtige Faktoren für den weiteren Krankheitsverlauf unbeachtet bleiben.
Lorenz widmet diesem Themenfeld ein eigenes Kapitel und unterstreicht damit den Anspruch einer umfassenden therapeutischen Betrachtung.
Aus fachlicher Sicht liegt hier eine wesentliche Stärke des integrativen Ansatzes: Die Behandlung soll nicht an künstlichen Grenzen zwischen einzelnen Diagnosen stehen bleiben.
Die systemische Dimension: Familie und soziales Umfeld einbeziehen
Suchterkrankungen entstehen und verlaufen nicht unabhängig vom sozialen Umfeld.
Familienbeziehungen, Partnerschaften, berufliche Belastungen, finanzielle Schwierigkeiten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen können den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Das abschließende Fachkapitel „Systemische Dimension“ erweitert deshalb die individuelle Perspektive um das soziale Beziehungssystem.
Dieser Gesichtspunkt ist besonders wichtig, weil Angehörige häufig selbst erheblichen Belastungen ausgesetzt sind.
Zugleich können unterstützende Beziehungen und stabile soziale Bedingungen wichtige Ressourcen im Genesungsprozess darstellen.
Eine integrative Behandlung darf daher nicht ausschließlich auf die einzelne Person und ihr Konsumverhalten beschränkt bleiben.
Sie muss auch berücksichtigen, welche Bedingungen im Alltag Veränderungen erleichtern oder erschweren.
Dabei ist allerdings eine differenzierte Betrachtung erforderlich: Angehörige sind nicht automatisch für die Entstehung einer Suchterkrankung verantwortlich und können auch nicht die therapeutische Verantwortung für deren Überwindung übernehmen.
Wer ist Christian Lorenz?
Dr. sc. ETH Christian Lorenz ist Psychologischer Psychotherapeut und Mitglied der Geschäftsleitung der Forel Klinik AG in der Schweiz.
Seine klinische Tätigkeit umfasst sowohl ambulante als auch stationäre Psychotherapie. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten gehören Abhängigkeitserkrankungen, Traumafolgestörungen, affektive Störungen und Persönlichkeitsstörungen.
Darüber hinaus arbeitet er als Supervisor und Dozent in der psychotherapeutischen Ausbildung.
Diese berufliche Verbindung aus klinischer Praxis, therapeutischer Weiterbildung und Behandlung komplexer psychischer Erkrankungen bildet den fachlichen Hintergrund seiner Veröffentlichung.
Für wen eignet sich „Integrative Suchttherapie“?
Das Buch richtet sich insbesondere an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Ärztinnen und Ärzte, Fachkräfte der Suchtberatung, Sozialarbeitende sowie Mitarbeitende ambulanter und stationärer Suchthilfeeinrichtungen.
Auch für Studierende psychologischer und medizinischer Fachrichtungen kann es einen verständlichen Zugang zur integrativen Suchtbehandlung bieten.
Sein besonderer Nutzen liegt darin, dass es nicht nur einzelne therapeutische Techniken betrachtet, sondern die professionelle Haltung, die klinische Einschätzung und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen miteinander verbindet.
Interessierte Betroffene und Angehörige können ebenfalls von den dargestellten Zusammenhängen profitieren, sollten das Buch jedoch als fachliche Orientierung und nicht als Ersatz für eine individuelle therapeutische Beratung verstehen.
Kritische Einordnung: Welche Stärken und Grenzen hat das Buch?
Die erkennbare Stärke des Buchkonzepts liegt in der konsequenten Verbindung von wissenschaftlichem Grundlagenwissen und therapeutischer Alltagspraxis.
Positiv ist insbesondere die entstigmatisierende Perspektive. Menschen mit Suchterkrankungen werden nicht auf Symptome oder Rückfälle reduziert. Stattdessen wird der therapeutischen Beziehung ein eigenständiger Stellenwert eingeräumt.
Auch die Berücksichtigung von Komorbiditäten und sozialen Zusammenhängen ist überzeugend, weil sie der tatsächlichen Komplexität vieler Behandlungssituationen entspricht.
Eine mögliche Grenze ergibt sich aus dem kompakten Umfang. Ein Werk mit 114 nummerierten Textseiten kann die Vielzahl neurobiologischer, psychotherapeutischer, medizinischer und systemischer Fragestellungen nicht in derselben Tiefe behandeln wie ein umfassendes mehrbändiges Fachhandbuch.
Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig ein Nachteil. Für die praktische Orientierung kann eine verständliche, konzentrierte Darstellung besonders hilfreich sein.
Wer detaillierte pharmakologische Behandlungsprotokolle, störungsspezifische Spezialverfahren oder umfassende systematische Forschungsübersichten benötigt, sollte ergänzende Fachliteratur und aktuelle Leitlinien heranziehen.
Fazit: Ein moderner Blick auf die Behandlung von Suchterkrankungen
Mit „Integrative Suchttherapie“ stellt Christian Lorenz ein Fachbuch vor, das einen wichtigen Grundgedanken der zeitgemäßen Suchthilfe in den Mittelpunkt rückt: Eine Abhängigkeitserkrankung lässt sich nicht angemessen verstehen, wenn man ausschließlich den Konsum betrachtet.
Psychische Bedürfnisse, körperliche Erkrankungen, emotionale Belastungen und soziale Beziehungen müssen in ein gemeinsames therapeutisches Verständnis einbezogen werden.
Besonders hervorzuheben ist die Haltung gegenüber den Betroffenen. Das Buch setzt auf fachliche Kompetenz, Empathie und eine respektvolle Kommunikation, ohne die Schwierigkeiten und Risiken von Abhängigkeitserkrankungen zu verharmlosen.
Die Veröffentlichung eignet sich deshalb besonders als praxisnaher Einstieg in eine integrative und beziehungsorientierte Suchttherapie.
Unsere redaktionelle Einschätzung: Eine fachlich interessante Neuerscheinung aus dem Jahr 2026, die vor allem durch ihren ganzheitlichen Ansatz, ihre entstigmatisierende Perspektive und die Orientierung an realen Anforderungen der ambulanten und stationären Suchthilfe überzeugt.
Bibliografische Angaben
Buchtitel: Integrative Suchttherapie
Untertitel: Störungs- und Behandlungswissen für die tägliche ambulante und stationäre Arbeit
Autor: Dr. sc. ETH Christian Lorenz
Verlag: Springer, Berlin/Heidelberg
Erscheinungsjahr: 2026
Auflage: 1. Auflage
Veröffentlichung des eBooks: 24. Mai 2026
Veröffentlichung der Softcover-Ausgabe: 26. Mai 2026
Umfang: XVIII, 114 Seiten
ISBN Softcover: 978-3-662-73256-4
ISBN eBook: 978-3-662-73257-1
DOI: 10.1007/978-3-662-73257-1
Fachgebiete: Suchttherapie, Klinische Psychologie, Psychotherapie, Suchthilfe
Verlagsinformationen und Inhaltsverzeichnis:
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-73257-1
