Eine Suchterkrankung betrifft weit mehr als den Konsum von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen. Sie verändert Gewohnheiten, Denkweisen, emotionale Reaktionen und häufig das gesamte soziale Leben. Menschen mit einer Abhängigkeit verlieren zunehmend die Kontrolle über ein Verhalten, obwohl sie dessen schädliche Folgen erkennen. Die Aufgabe eines Suchttherapeuten besteht deshalb nicht allein darin, den Verzicht auf eine Substanz zu fördern. Er unterstützt Betroffene dabei, die Mechanismen ihrer Erkrankung zu verstehen, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und langfristig ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Eine wirksame Suchthilfe benötigt fachliche Kompetenz, Vertrauen, realistische Behandlungsziele und die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Besonders wichtig ist die Verbindung zwischen professioneller Therapie, medizinischer Versorgung, sozialer Unterstützung und Selbsthilfe.
Sucht ist eine Erkrankung – keine Frage mangelnder Willenskraft
Abhängigkeitserkrankungen entstehen durch das Zusammenwirken biologischer, psychischer und sozialer Faktoren.
Wiederholter Substanzkonsum kann die Funktionsweise von Systemen beeinflussen, die an Belohnungsverarbeitung, Motivation, Lernen und Verhaltenssteuerung beteiligt sind.
Mit zunehmender Abhängigkeit können sich starke Verlangenszustände entwickeln. Gleichzeitig verliert die betroffene Person möglicherweise die Fähigkeit, den Konsum zuverlässig zu kontrollieren.
Typische Merkmale sind:
- starkes Verlangen nach einer Substanz oder einem bestimmten Verhalten;
- eingeschränkte Kontrolle über Beginn, Dauer und Intensität des Konsums;
- Fortsetzung trotz gesundheitlicher, beruflicher oder familiärer Schäden;
- Vernachlässigung anderer Interessen und Verpflichtungen;
- teilweise Toleranzentwicklung und körperliche Entzugssymptome.
Viele Betroffene nehmen sich wiederholt vor, ihren Konsum zu beenden. Dennoch gelingt es ihnen nicht, ihre Vorsätze dauerhaft umzusetzen.
Diese Schwierigkeiten lassen sich nicht ausreichend durch fehlende Disziplin erklären.
Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet Abhängigkeitserkrankungen als komplexe Gesundheitsprobleme, die eine fachgerechte, koordinierte Behandlung erfordern.
Der therapeutische Ansatz muss daher die Erkrankung und ihre individuellen Ursachen verstehen, ohne die persönliche Verantwortung der Betroffenen für ihr Verhalten aufzuheben.
Was macht ein Suchttherapeut?
Die zentrale Aufgabe besteht darin, Menschen bei der Bewältigung ihrer Abhängigkeit und der damit verbundenen Schwierigkeiten zu begleiten.
Der Suchttherapeut unterstützt Betroffene dabei, problematische Verhaltensmuster zu erkennen, Veränderungsmotivation aufzubauen und konkrete Schritte zur Stabilisierung einzuleiten.
Dabei werden nicht ausschließlich Fragen des Konsums behandelt.
Auch familiäre Konflikte, psychische Belastungen, berufliche Probleme, soziale Isolation und frühere Krisenerfahrungen können eine wichtige Rolle spielen.
Zu den wesentlichen Aufgaben gehören:
- Erfassung der individuellen Suchtproblematik und des Unterstützungsbedarfs.
- Förderung der Motivation zur Veränderung.
- Entwicklung realistischer Behandlungsziele.
- Vermittlung von Wissen über die Entstehung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeit.
- Unterstützung beim Aufbau neuer Verhaltens- und Bewältigungsstrategien.
- Vorbereitung auf Risikosituationen und Rückfallprävention.
- Zusammenarbeit mit Angehörigen und anderen Fachkräften.
- Organisation einer geeigneten Weiterbehandlung und Nachsorge.
Wichtig ist dabei die berufliche Qualifikation.
In der Suchthilfe arbeiten unter anderem Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Psychologen, approbierte Psychotherapeuten, Ärzte und suchttherapeutisch weitergebildete Fachkräfte.
Nicht jede Person, die in einer Suchtberatungsstelle tätig ist, darf eigenständig medizinische Diagnosen stellen, verschreibungspflichtige Medikamente verordnen oder heilkundliche Psychotherapie durchführen. Die jeweiligen Befugnisse richten sich nach Ausbildung, Qualifikation und rechtlichen Voraussetzungen.
Professionelle Suchthilfe ist deshalb häufig Teamarbeit.
Die therapeutische Beziehung als Grundlage jeder Veränderung
Viele Menschen mit einer Abhängigkeit haben bereits wiederholt Schuldzuweisungen, gesellschaftliche Ablehnung oder das Scheitern eigener Veränderungsversuche erlebt.
Sie begegnen einer therapeutischen Behandlung möglicherweise mit Misstrauen, Scham oder der Befürchtung, erneut verurteilt zu werden.
Eine tragfähige therapeutische Beziehung schafft die Voraussetzung dafür, offen über den Konsum und seine Folgen zu sprechen.
Dazu gehören insbesondere:
Respekt: Der Mensch wird nicht auf seine Suchterkrankung reduziert.
Empathie: Gefühle, Ängste und persönliche Schwierigkeiten werden ernst genommen, ohne schädliches Verhalten zu verharmlosen.
Verlässlichkeit: Vereinbarungen, Grenzen und therapeutische Ziele werden transparent gestaltet.
Vertraulichkeit: Persönliche Informationen werden entsprechend den geltenden Datenschutz- und Schweigepflichtregeln geschützt.
Zusammenarbeit: Behandlungsentscheidungen sollen möglichst gemeinsam mit dem Betroffenen entwickelt werden.
Eine wirksame therapeutische Beziehung bedeutet nicht, dass der Therapeut sämtliche Aussagen oder Entscheidungen des Patienten bestätigen muss.
Vielmehr geht es darum, auch schwierige Themen ehrlich anzusprechen, ohne die Würde der betroffenen Person infrage zu stellen.
Warum Motivation ein zentraler Bestandteil der Suchttherapie ist
Nicht jeder Mensch beginnt eine Behandlung mit dem festen Entschluss, dauerhaft abstinent zu leben.
Manche kommen aufgrund familiären Drucks, gesundheitlicher Beschwerden oder beruflicher Konsequenzen in eine Beratungsstelle.
Andere erkennen zwar die schädlichen Folgen ihres Konsums, empfinden die Vorstellung eines Lebens ohne die Substanz jedoch als bedrohlich.
Diese widersprüchlichen Gefühle werden als Ambivalenz bezeichnet.
Hier setzt die motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing) an.
Das Verfahren unterstützt Menschen dabei, eigene Veränderungsgründe zu erkennen und ihre persönliche Motivation zu stärken.
Der Therapeut versucht nicht, den Betroffenen durch Vorwürfe oder Drohungen zur Abstinenz zu bewegen.
Stattdessen werden beispielsweise Fragen bearbeitet wie:
- Welche Bedeutung hat die Substanz im bisherigen Leben?
- Welche Vorteile glaubt die Person durch den Konsum zu erhalten?
- Welche negativen Folgen sind bereits entstanden?
- Was könnte sich durch eine Veränderung verbessern?
- Welche persönlichen Werte und Ziele stehen mit dem Konsum im Widerspruch?
Das Ziel besteht darin, die Bereitschaft zur Veränderung aus den eigenen Überzeugungen und Bedürfnissen des Betroffenen heraus zu entwickeln.
Motivationale Interventionen gehören zu den wissenschaftlich anerkannten Verfahren der Suchtbehandlung.
Welche psychologischen Mechanismen hält die Sucht aufrecht?
Um eine Abhängigkeit erfolgreich zu behandeln, muss verstanden werden, warum der Konsum trotz negativer Folgen fortgesetzt wird.
Belohnung und Verstärkung
Psychoaktive Substanzen können intensive positive Empfindungen auslösen oder unangenehme Zustände vorübergehend reduzieren.
Das Gehirn lernt, bestimmte Situationen und Handlungen mit diesen Wirkungen zu verbinden.
Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten wiederholt wird.
Negative Verstärkung
Nicht immer steht der Wunsch nach Euphorie im Mittelpunkt.
Manche Menschen konsumieren, um Angst, innere Unruhe, Einsamkeit, Entzugssymptome oder belastende Erinnerungen kurzfristig zu lindern.
Die vorübergehende Erleichterung kann das Suchtverhalten verstärken, obwohl die Probleme langfristig bestehen bleiben oder zunehmen.
Konditionierte Auslöser
Bestimmte Orte, Menschen, Gerüche oder Tageszeiten können mit früherem Konsum verbunden sein.
Schon die Begegnung mit einem solchen Auslöser kann ein starkes Verlangen nach der Substanz hervorrufen.
Gewohnheiten und automatisierte Reaktionen
Bei einer länger bestehenden Abhängigkeit kann Konsum zu einer beinahe automatischen Reaktion auf Stress oder bestimmte Alltagssituationen werden.
Die betroffene Person greift dann möglicherweise zur Substanz, bevor sie bewusst über Alternativen nachgedacht hat.
Die therapeutische Arbeit zielt darauf ab, diese Zusammenhänge erkennbar zu machen und neue Reaktionsmöglichkeiten aufzubauen.
Kognitive Verhaltenstherapie in der Suchtbehandlung
Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den gut untersuchten psychotherapeutischen Verfahren bei Abhängigkeitserkrankungen.
Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Gedanken, Gefühlen und Verhalten.
Ein Beispiel:
Eine alkoholabhängige Person erlebt nach einem beruflichen Konflikt starke Anspannung. Sie denkt, dass nur Alkohol ihr helfen könne, sich zu beruhigen.
Dieser Gedanke verstärkt das Verlangen nach Alkohol und erhöht das Risiko eines erneuten Konsums.
In der Therapie wird zunächst untersucht, wie diese Reaktion entsteht.
Anschließend werden alternative Strategien erarbeitet.
Dazu können gehören:
- belastende Gedanken erkennen und überprüfen;
- Gefühle ohne Substanzkonsum regulieren;
- Konflikte angemessener bewältigen;
- Stresssituationen frühzeitig erkennen;
- soziale Kompetenzen stärken;
- Freizeit und Tagesstruktur neu gestalten;
- den Umgang mit Suchtdruck üben.
Entscheidend ist die praktische Anwendung.
Neue Strategien müssen nicht nur während der therapeutischen Gespräche besprochen, sondern auch im Alltag erprobt werden.
Rückfallprävention: Wie entsteht langfristige Stabilität?
Ein Rückfall ist ein ernst zu nehmendes Ereignis, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die gesamte Behandlung gescheitert ist.
Der therapeutische Umgang damit sollte weder verharmlosend noch strafend sein.
Wichtig ist die Untersuchung der Umstände.
Welche Situation ging dem erneuten Konsum voraus? Welche Gedanken und Gefühle traten auf? Welche Warnzeichen wurden möglicherweise übersehen? Welche Unterstützung fehlte?
Durch diese Analyse können bestehende Behandlungsstrategien angepasst werden.
Typische Bestandteile der Rückfallprävention sind:
Frühwarnzeichen erkennen: Veränderungen von Stimmung, Schlaf, Tagesstruktur oder sozialen Kontakten können Hinweise auf eine zunehmende Belastung sein.
Risikobewältigung trainieren: Betroffene lernen, mit Einladungen zum Konsum, Konflikten und emotional schwierigen Situationen umzugehen.
Notfallpläne entwickeln: Es wird festgelegt, welche Personen oder Einrichtungen bei starkem Suchtdruck kontaktiert werden können.
Stabile Lebensgewohnheiten fördern: Regelmäßiger Schlaf, Bewegung, soziale Beziehungen und sinnvolle Beschäftigungen können die Stabilisierung unterstützen.
Unterstützung fortsetzen: Nach einer intensiven Behandlungsphase können Nachsorgeangebote und Selbsthilfegruppen wichtig sein.
Ein Rückfall sollte möglichst frühzeitig angesprochen werden, damit daraus keine längere Konsumperiode entsteht.
Bei körperlich abhängigen Menschen können erneuter Konsum und wiederholte Entzüge medizinisch gefährlich sein. Insbesondere ein Alkohol- oder Benzodiazepinentzug darf bei entsprechender Abhängigkeit nicht unkontrolliert durchgeführt werden.
Die Bedeutung psychischer Begleiterkrankungen
Suchterkrankungen treten häufig gemeinsam mit anderen psychischen Problemen auf.
Dazu gehören beispielsweise Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder psychotische Erkrankungen.
Diese Beschwerden können vor Beginn der Abhängigkeit bestanden haben, durch Substanzkonsum verstärkt worden sein oder sich gegenseitig beeinflussen.
Deshalb reicht es häufig nicht aus, ausschließlich den Konsum zu behandeln.
Ein Mensch, der Alkohol zur kurzfristigen Verringerung starker Angst verwendet, benötigt möglicherweise auch eine gezielte Behandlung seiner Angststörung.
Andernfalls kann die ursprüngliche psychische Belastung nach dem Ende des Alkoholkonsums weiterhin bestehen.
Der Suchttherapeut muss mögliche Begleiterkrankungen erkennen und bei Bedarf eine psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik veranlassen.
Bei schweren Depressionen, Suizidalität, Psychosen oder komplizierten Entzugssymptomen ist eine entsprechend qualifizierte medizinische Behandlung erforderlich.
Welche Rolle spielen Angehörige?
Suchterkrankungen können das gesamte familiäre Zusammenleben beeinflussen.
Partner und Kinder erleben möglicherweise wiederkehrende Konflikte, finanzielle Belastungen, Unzuverlässigkeit oder die Angst vor weiteren Rückfällen.
Manche Angehörige versuchen über Jahre, die Folgen des Konsums auszugleichen.
Sie übernehmen zusätzliche Verantwortung, verbergen Probleme gegenüber anderen Menschen oder stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück.
Eine professionelle Angehörigenarbeit verfolgt mehrere Ziele.
Sie vermittelt Wissen über die Erkrankung, unterstützt bei der Entwicklung angemessener Grenzen und hilft Angehörigen, die eigene psychische Gesundheit zu schützen.
Dabei sollte nicht vorausgesetzt werden, dass Angehörige dauerhaft Verantwortung für die Abstinenz eines anderen Menschen übernehmen müssen.
Die Entscheidung, den eigenen Konsum zu verändern, bleibt grundsätzlich Aufgabe der betroffenen Person.
Bei Gewalt, Drohungen oder anderen Gefährdungen hat der Schutz der Angehörigen Vorrang. Gemeinsame Gespräche sind nicht in jeder Situation angemessen.
Angehörige können unabhängig vom Erkrankten Beratung und Unterstützung in Anspruch nehmen.
Das Suchthilfesystem: Warum Therapie allein häufig nicht ausreicht
Ein erfolgreicher Genesungsprozess benötigt häufig verschiedene aufeinander abgestimmte Hilfen.
In Deutschland besteht das Suchthilfesystem unter anderem aus Beratungsstellen, medizinischen Einrichtungen, Rehabilitationsangeboten und Selbsthilfeorganisationen.
Die wichtigsten Bestandteile sind:
Suchtberatung und Frühintervention
Beratungsstellen bieten einen niedrigschwelligen Zugang für Menschen mit problematischem Konsum und ihre Angehörigen.
Sie helfen bei der Einschätzung des Unterstützungsbedarfs, informieren über Behandlungsmöglichkeiten und vermitteln bei Bedarf in weiterführende Hilfen.
Medizinische Entzugsbehandlung
Bei körperlicher Abhängigkeit kann zunächst eine medizinisch begleitete Entzugsbehandlung erforderlich sein.
Sie dient dazu, Entzugssymptome zu behandeln und mögliche Komplikationen zu verhindern.
Ein körperlicher Entzug allein behandelt jedoch nicht automatisch die psychologischen und sozialen Mechanismen der Abhängigkeit.
Entwöhnungsbehandlung und Rehabilitation
In ambulanten, ganztägig ambulanten oder stationären Einrichtungen können Betroffene intensiver an ihren Verhaltensmustern und an langfristigen Veränderungen arbeiten.
Neben psychotherapeutischen Verfahren können medizinische, sozialtherapeutische und berufliche Maßnahmen eingesetzt werden.
Medizinische Langzeitbehandlung
Bei bestimmten Abhängigkeitserkrankungen können Medikamente einen wichtigen Bestandteil der Behandlung darstellen.
Bei einer Opioidabhängigkeit kann beispielsweise eine ärztlich durchgeführte Opioidagonistenbehandlung wesentlich zur gesundheitlichen Stabilisierung und Risikoreduktion beitragen.
Bei Alkoholabhängigkeit kommen unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls Medikamente zur Rückfallprävention infrage.
Die medikamentöse Behandlung erfolgt durch entsprechend qualifizierte Ärzte.
Nachsorge und soziale Wiedereingliederung
Nach einer intensiven Therapie benötigen manche Menschen weiterhin Begleitung.
Dazu können therapeutische Nachsorge, Unterstützung bei Wohnungs- und Arbeitsplatzproblemen sowie Hilfen beim Wiederaufbau sozialer Beziehungen gehören.
Die einzelnen Angebote sollten möglichst gut miteinander verbunden sein, damit nach dem Ende einer Behandlungsphase keine Versorgungslücke entsteht.
Selbsthilfegruppen als Ergänzung zur professionellen Therapie
Selbsthilfegruppen können eine wichtige Rolle bei der langfristigen Stabilisierung übernehmen.
Dazu zählen beispielsweise die Anonymen Alkoholiker (AA), Narcotics Anonymous (NA) und weitere abstinenzorientierte oder suchtbezogene Selbsthilfeangebote.
Die regelmäßigen Treffen ermöglichen den Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Betroffene können dort über Suchtdruck, persönliche Schwierigkeiten, Fortschritte und Rückfälle sprechen.
Der Kontakt zu anderen Menschen in Genesung kann helfen, Isolation zu überwinden und neue soziale Bindungen aufzubauen.
Selbsthilfegruppen sind jedoch nicht mit einer medizinischen oder psychotherapeutischen Behandlung gleichzusetzen.
Ihre Aufgabe besteht vor allem in gegenseitiger Unterstützung und gemeinschaftlichem Erfahrungsaustausch.
Ein Suchttherapeut kann über geeignete Gruppen informieren und Betroffene bei der Kontaktaufnahme unterstützen. Die Teilnahme sollte grundsätzlich auf einer informierten, freiwilligen Entscheidung beruhen.
Digitale Angebote und Onlinegruppen können insbesondere für Menschen hilfreich sein, die aufgrund ihres Wohnortes, gesundheitlicher Einschränkungen oder persönlicher Hemmungen nur schwer an Präsenztreffen teilnehmen können.
Die Grenzen therapeutischer Verantwortung
Ein professioneller Suchttherapeut muss nicht nur fachliche Methoden beherrschen, sondern auch die Grenzen seiner Rolle kennen.
Er darf die persönliche Lebensführung des Patienten nicht vollständig übernehmen oder therapeutische Abhängigkeiten fördern.
Die Zusammenarbeit sollte auf klaren Vereinbarungen beruhen.
Dazu gehören:
- transparente Behandlungsziele;
- angemessene berufliche Distanz;
- respektvolle Kommunikation;
- Beachtung der Schweigepflicht;
- fachgerechte Dokumentation;
- Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen;
- Weitervermittlung, wenn die eigenen Kompetenzen nicht ausreichen.
Professionelle Hilfe muss die Würde und Selbstbestimmung der Betroffenen achten.
Demütigung, Einschüchterung oder die bewusste Ausnutzung persönlicher Abhängigkeiten haben in einer verantwortungsvollen Suchtbehandlung keinen Platz.
Auch die Erfahrung eigener überwundener Abhängigkeit kann zwar für den Kontakt mit Betroffenen hilfreich sein, ersetzt jedoch keine erforderliche fachliche Ausbildung.
Woran erkennt man qualifizierte Suchttherapie?
Menschen, die Unterstützung suchen, sollten darauf achten, dass ein Angebot fachlich nachvollziehbar und transparent gestaltet ist.
Wichtige Fragen sind:
- Welche beruflichen Qualifikationen besitzt die behandelnde Person?
- Welche therapeutischen Verfahren werden eingesetzt?
- Wie werden Behandlungsziele gemeinsam vereinbart?
- Besteht bei Bedarf Zugang zu ärztlicher und psychiatrischer Betreuung?
- Wie wird mit Rückfällen und Krisensituationen umgegangen?
- Welche Möglichkeiten bestehen für Angehörige?
- Ist eine längerfristige Nachsorge vorgesehen?
Ein seriöses Angebot verspricht keine garantierte Heilung innerhalb weniger Tage.
Ebenso sollte eine Therapie nicht ausschließlich auf moralischen Vorwürfen, Angst oder Druck beruhen.
Eine nachhaltige Veränderung benötigt Zeit, aktive Mitarbeit und ein Behandlungskonzept, das zum tatsächlichen Unterstützungsbedarf passt.
Fazit: Der Suchttherapeut begleitet Veränderung – er kann sie nicht erzwingen
Die Arbeit eines Suchttherapeuten gehört zu den wichtigen Bestandteilen eines funktionierenden Suchthilfesystems.
Ihre Wirksamkeit beruht nicht auf einer einzelnen Methode, sondern auf dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren: einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, fachgerechter Diagnostik, Förderung der Veränderungsmotivation, wissenschaftlich fundierten Interventionen und langfristiger Unterstützung.
Dabei ist entscheidend, den Menschen nicht ausschließlich über seine Abhängigkeit zu definieren.
Hinter der Erkrankung stehen individuelle Lebensgeschichten, persönliche Belastungen, Ressourcen und Möglichkeiten zur Veränderung.
Die Aufgabe professioneller Suchthilfe besteht darin, diese Möglichkeiten zu erkennen und mit den Betroffenen konkrete Wege zu entwickeln.
Ein guter Suchttherapeut nimmt dem Menschen nicht die Verantwortung für sein Leben ab. Er hilft ihm, die Fähigkeit zur eigenständigen Gestaltung dieses Lebens zurückzugewinnen.
Nachhaltige Genesung entsteht dort, wo fachliche Behandlung, persönliche Motivation und verlässliche soziale Unterstützung zusammenwirken.
Quellen und wissenschaftliche Literatur
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). Improving Prevention and Treatment for Drug Use Disorders. Grundlagen einer wissenschaftlich fundierten und koordinierten Behandlung von Substanzkonsumstörungen.
https://www.who.int/activities/improving-prevention-and-treatment-for-drug-use-disorders - World Health Organization / United Nations Office on Drugs and Crime (WHO/UNODC, 2020). International Standards for the Treatment of Drug Use Disorders. Internationale Empfehlungen zu Behandlungsorganisation, psychosozialen Interventionen, Menschenrechten und kontinuierlicher Betreuung.
https://www.who.int/publications/i/item/international-standards-for-the-treatment-of-drug-use-disorders - Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) / Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). S3-Leitlinie: Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen. Version 3.1, 2021; zuletzt bis Ende 2025 verlängert. Empfehlungen zu motivationalen Interventionen, Verhaltenstherapie, Angehörigenarbeit und multiprofessioneller Behandlung. Die Leitlinie befindet sich in Überarbeitung.
https://www.awmf.org/aktuelles/awmf-aktuell/screening-diagnostik-und-behandlung-alkoholbezogener-stoerungen - Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Suchtberatung. Informationen über Aufgaben, Fachkräfte und Zugangswege zur professionellen Suchtberatung.
https://www.dhs.de/suchthilfe/suchtberatung - Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Das Versorgungssystem der Suchthilfe. Darstellung von Beratung, medizinischer Behandlung, Rehabilitation, sozialer Teilhabe und Selbsthilfe in Deutschland.
https://www.dhs.de/suchthilfe/versorgungssystem - Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Sucht-Selbsthilfe. Grundlagen und Bedeutung der gegenseitigen Unterstützung bei Abhängigkeitserkrankungen.
https://www.dhs.de/suchthilfe/sucht-selbsthilfe/ - Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Angehörige und Mitbetroffene. Informationen über familiäre Belastungen, Beratung und Selbsthilfeangebote für Angehörige.
https://www.dhs.de/lebenswelten/angehoerige-und-mitbetroffene/ - Bundesministerium für Gesundheit – gesund.bund.de. Alkohol: Wirkung, Folgen und Abhängigkeit. Informationen über Abhängigkeit, Entzugsbehandlung und weiterführende therapeutische Hilfen.
https://gesund.bund.de/alkohol - WHO/UNODC (2008). Principles of Drug Dependence Treatment. Internationale Grundsätze zu Menschenwürde, Vertraulichkeit und professioneller Suchtbehandlung.
https://cdn.who.int/media/docs/default-source/substance-use/principles-drug-dependence-treatment.pdf
Fachlicher Hinweis: Die beschriebenen Methoden und Versorgungsstrukturen dienen der allgemeinen Information. Welche Behandlung im Einzelfall geeignet ist, muss anhand einer individuellen fachlichen Einschätzung entschieden werden.
