Verleugnung, Verharmlosung und Selbsttäuschung gehören zu den häufigen psychologischen Reaktionen bei einer Suchterkrankung. Warum reden sich Menschen ihren Alkohol- oder Drogenkonsum schön, obwohl die negativen Folgen längst sichtbar sind? Und wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen?
Wenn die Sucht das eigene Denken beeinflusst
„Ich habe alles im Griff.“ „Ich könnte jederzeit aufhören.“ „Andere trinken viel mehr als ich.“ Solche Aussagen kennen viele Menschen, die selbst von einer Abhängigkeit betroffen sind oder mit einer suchtkranken Person zusammenleben.
Auf den ersten Blick wirken diese Sätze wie gewöhnliche Rechtfertigungen. Dahinter können sich jedoch psychologische Prozesse verbergen, die dazu beitragen, problematischen Konsum aufrechtzuerhalten.
Wer abhängig ist, erkennt die eigene Situation nicht immer so, wie sie Außenstehende wahrnehmen. Während Angehörige längst Veränderungen im Verhalten, gesundheitliche Probleme oder Konflikte beobachten, hält die betroffene Person möglicherweise weiterhin an der Überzeugung fest, ihren Konsum kontrollieren zu können.
Dabei geht es nicht zwangsläufig um bewusste Lügen. Oft ist die Wahrnehmung der eigenen Situation durch Ängste, Scham, Gewohnheiten und das starke Verlangen nach der Substanz beeinflusst.
Selbsttäuschung kann dazu führen, dass ein Mensch sein Suchtproblem immer wieder erklärt, entschuldigt oder herunterspielt – selbst dann, wenn die Folgen zunehmend schwerwiegender werden.
Was bedeutet Verleugnung bei einer Suchterkrankung?
In der Psychologie bezeichnet Verleugnung eine Form der psychischen Abwehr. Belastende oder bedrohliche Tatsachen werden dabei nicht vollständig anerkannt, obwohl Hinweise auf ihre Existenz vorliegen.
Im Zusammenhang mit einer Suchterkrankung kann sich dies beispielsweise darin äußern, dass jemand regelmäßig Alkohol konsumiert, die Kontrolle über die Trinkmenge verliert und trotzdem überzeugt ist, kein Alkoholproblem zu haben.
Die Verleugnung kann unterschiedliche Formen annehmen. Manche Betroffene bestreiten die Schwierigkeiten vollständig. Andere erkennen einzelne Probleme zwar an, spielen deren Bedeutung jedoch herunter oder schreiben sie ausschließlich äußeren Umständen zu.
Nicht jeder Mensch mit einer Abhängigkeit zeigt solche Reaktionen. Ebenso ist Verleugnung kein eigenständiges diagnostisches Kriterium für eine Suchterkrankung.
Dennoch können Abwehrreaktionen eine wichtige Rolle dabei spielen, warum Menschen trotz negativer Konsequenzen an einem schädlichen Konsummuster festhalten.
Vier typische Formen der Selbsttäuschung
1. Verleugnung – „Ich habe überhaupt kein Problem“
Bei der Verleugnung werden offensichtliche Schwierigkeiten nicht als Ausdruck eines möglichen Suchtproblems anerkannt.
Ein Beispiel: Eine Person trinkt fast jeden Abend mehrere alkoholische Getränke. Am nächsten Morgen fühlt sie sich häufig erschöpft, hat Schwierigkeiten bei der Arbeit und streitet regelmäßig mit ihrem Partner. Trotzdem erklärt sie, ihr Alkoholkonsum sei vollkommen normal.
Die negativen Folgen werden wahrgenommen, aber nicht mit dem eigenen Trinkverhalten in Verbindung gebracht.
2. Verharmlosung – „So schlimm ist es doch nicht“
Bei der Verharmlosung werden Probleme zwar teilweise erkannt, ihre Tragweite wird jedoch heruntergespielt.
Typische Aussagen sind:
- „Ich trinke nur Bier, keinen Schnaps.“
- „Unter der Woche funktioniere ich doch.“
- „Ich habe schließlich noch meinen Arbeitsplatz.“
- „Andere sind viel schlimmer dran.“
Dabei wird übersehen, dass eine Abhängigkeit nicht erst dann vorliegt, wenn jemand seine Arbeit, seine Familie oder seine Wohnung verliert.
Auch Menschen mit einem scheinbar geregelten Alltag können eine Alkohol- oder andere Substanzabhängigkeit entwickeln.
3. Rationalisierung – „Ich habe einen guten Grund dafür“
Rationalisierung bedeutet, dass für ein problematisches Verhalten scheinbar vernünftige Erklärungen gefunden werden.
Nach einem anstrengenden Arbeitstag wird getrunken, um abzuschalten. Nach einem erfolgreichen Tag dient Alkohol zur Belohnung. Bei einem Streit soll er beruhigen, bei Langeweile für Entspannung sorgen.
So entsteht eine Denkweise, in der nahezu jede Situation den Konsum rechtfertigen kann.
Problematisch wird es, wenn Alkohol oder andere Substanzen zunehmend zur bevorzugten Antwort auf Stress, unangenehme Gefühle oder alltägliche Belastungen werden.
4. Schuldverschiebung – „Die anderen sind schuld“
Manche Menschen erklären ihren Konsum hauptsächlich mit dem Verhalten anderer.
„Wenn mein Chef mich nicht ständig unter Druck setzen würde, müsste ich nicht trinken.“
„Wenn meine Beziehung besser wäre, hätte ich dieses Problem nicht.“
Belastende Lebensumstände können tatsächlich den Konsum beeinflussen und das Risiko einer Suchterkrankung erhöhen. Sie erklären jedoch nicht zwangsläufig das gesamte Abhängigkeitsgeschehen.
Wer die Verantwortung ausschließlich bei anderen sucht, kann Schwierigkeiten haben, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Warum glaubt man den eigenen Ausreden?
Die Entwicklung einer Abhängigkeit ist ein komplexer Prozess. Biologische, psychologische und soziale Faktoren wirken zusammen.
Wiederholter Substanzkonsum kann Lernprozesse, das Belohnungssystem und die Verarbeitung von Konsumreizen verändern. Situationen, Orte oder Gefühle werden zunehmend mit der erwarteten Wirkung einer Substanz verknüpft.
Gleichzeitig entsteht häufig ein innerer Widerspruch: Einerseits möchte die betroffene Person sich als selbstbestimmt erleben. Andererseits macht sie die Erfahrung, dass der Konsum nicht mehr zuverlässig kontrolliert werden kann.
Dieser Widerspruch kann erheblichen psychischen Druck auslösen.
In der Psychologie wird ein solcher Spannungszustand unter anderem mit dem Begriff kognitive Dissonanz beschrieben.
Ein Mensch weiß beispielsweise, dass übermäßiger Alkoholkonsum seine Gesundheit gefährden kann, trinkt aber trotzdem weiter. Um den Widerspruch zu verringern, verändert er möglicherweise nicht sein Verhalten, sondern dessen Bewertung.
Aus „Ich trinke zu viel“ wird dann „Ich brauche das eben, um mit meinem Stress klarzukommen“.
Kurzfristig kann eine solche Erklärung das unangenehme Gefühl abschwächen. Langfristig kann sie jedoch verhindern, dass notwendige Veränderungen eingeleitet werden.
Warum fällt es so schwer, sich eine Sucht einzugestehen?
Hinter der fehlenden Krankheitseinsicht steckt nicht immer Gleichgültigkeit.
Für viele Menschen bedeutet die Vorstellung, abhängig zu sein, zunächst eine Bedrohung des eigenen Selbstbildes.
Sie befürchten, als willensschwach, unzuverlässig oder gesellschaftlich gescheitert angesehen zu werden. Andere haben Angst vor beruflichen Konsequenzen, Konflikten in der Familie oder einer möglicherweise notwendigen Behandlung.
Besonders in einem Umfeld, in dem Alkohol zum gesellschaftlichen Alltag gehört, können die Grenzen zwischen akzeptiertem Konsum, riskantem Trinkverhalten und Abhängigkeit schwer einzuschätzen sein.
Das Feierabendbier, Alkohol bei Vereinsfesten oder regelmäßiges Trinken am Wochenende werden häufig als selbstverständlich betrachtet.
Doch gesellschaftliche Akzeptanz bedeutet nicht, dass ein Konsummuster gesundheitlich unbedenklich ist.
Eine Suchterkrankung ist keine Charakterschwäche. Sie ist eine behandlungsbedürftige gesundheitliche Störung, für die professionelle Unterstützung zur Verfügung steht.
Wenn die Selbsttäuschung den Alltag bestimmt
Je länger problematischer Konsum anhält, desto stärker können bestimmte Verhaltensmuster den Alltag beeinflussen.
Verabredungen werden abgesagt, Verpflichtungen vernachlässigt und Konflikte häufen sich. Vielleicht wird Alkohol heimlich konsumiert oder die tatsächliche Trinkmenge gegenüber Angehörigen verschwiegen.
Andere Betroffene versuchen, ihren Konsum durch selbst auferlegte Regeln zu kontrollieren: nur am Wochenende trinken, keine Spirituosen kaufen oder für einige Wochen vollständig verzichten.
Solche Versuche können unterschiedliche Bedeutungen haben. Sie beweisen für sich genommen weder eine Abhängigkeit noch deren Abwesenheit.
Ein Warnsignal ist allerdings, wenn selbst gesetzte Grenzen wiederholt nicht eingehalten werden können oder der Konsum trotz erkennbarer Schäden fortgesetzt wird.
Dann sollte nicht allein die Frage gestellt werden, wie viel jemand trinkt, sondern auch, welche Bedeutung die Substanz inzwischen im Leben dieser Person einnimmt.
Wie erkennt man die eigene Selbsttäuschung?
Ein wichtiger Schritt besteht darin, das eigene Verhalten möglichst sachlich zu betrachten.
Statt ausschließlich danach zu fragen, ob man abhängig ist, können konkrete Beobachtungen hilfreich sein.
Wie oft konsumiere ich tatsächlich? Habe ich schon versucht, weniger zu trinken oder Drogen wegzulassen? Ist es mir gelungen? Welche Folgen hat mein Konsum für meine Gesundheit, meine Beziehungen, meine Finanzen und meine berufliche Situation?
Auch die Frage, ob Alkohol oder andere Substanzen gezielt eingesetzt werden, um unangenehme Gefühle zu bewältigen, kann aufschlussreich sein.
Ein Konsumtagebuch kann dabei helfen, Gewohnheiten sichtbar zu machen. Eine medizinische oder suchttherapeutische Einschätzung ersetzt es jedoch nicht.
Entscheidend ist, sich mit den tatsächlichen Folgen auseinanderzusetzen, anstatt ausschließlich nach Erklärungen zu suchen, warum der Konsum angeblich notwendig oder harmlos sei.
Wie können Angehörige mit Verleugnung umgehen?
Für Angehörige ist es oft belastend, wenn eine nahestehende Person offensichtliche Schwierigkeiten bestreitet.
Wiederholte Vorwürfe, Drohungen oder moralische Appelle führen jedoch nicht automatisch zu mehr Krankheitseinsicht. Sie können Abwehrhaltungen sogar verstärken.
Hilfreicher kann es sein, konkrete Beobachtungen anzusprechen, ohne die betroffene Person abzuwerten.
Statt „Du bist süchtig und ruinierst alles“ könnte ein Gespräch beispielsweise so beginnen:
„Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit häufiger trinkst und wir deswegen immer öfter Streit haben. Ich mache mir Sorgen um dich.“
Wichtig ist, Unterstützung anzubieten, ohne sämtliche Folgen des Konsums dauerhaft abzufangen.
Angehörige dürfen eigene Grenzen setzen und sollten ihre psychische und körperliche Gesundheit nicht aus dem Blick verlieren.
Auch wenn die betroffene Person noch keine Behandlung möchte, können Familienmitglieder selbst eine Suchtberatungsstelle aufsuchen.
Welche Rolle spielt die Suchttherapie?
Professionelle Suchthilfe setzt nicht allein darauf, Betroffene mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren.
In der Beratung und Therapie geht es zunächst häufig darum, Vertrauen aufzubauen, die persönliche Situation zu verstehen und die Motivation zur Veränderung zu stärken.
Ein wichtiger Ansatz ist die Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing). Sie unterstützt Menschen dabei, eigene Ziele, Zweifel und Veränderungswünsche zu erkunden.
Auch kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, automatische Gedanken, problematische Verhaltensmuster und typische Auslöser des Konsums zu erkennen.
Beispielsweise kann eine Person lernen, den Gedanken „Ohne Alkohol halte ich den Stress nicht aus“ kritisch zu hinterfragen und alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Ziel ist nicht, Betroffene zu beschämen, sondern ihnen zu ermöglichen, ihre Situation realistischer einzuschätzen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Suchtberatung und Behandlung in Deutschland
Wer in Deutschland Unterstützung sucht, kann sich an eine örtliche Suchtberatungsstelle wenden.
Diese Einrichtungen beraten Menschen mit Alkoholproblemen, Drogenabhängigkeit, Medikamentenabhängigkeit und bestimmten Verhaltenssüchten. Auch Angehörige erhalten dort Unterstützung.
Die Beratung ist in der Regel kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Eine gesicherte Suchtdiagnose ist für das erste Beratungsgespräch nicht erforderlich.
Abhängig von der individuellen Situation kommen unterschiedliche Hilfen infrage: ambulante Beratung, psychotherapeutische Behandlung, medizinisch begleiteter Entzug, stationäre Entwöhnungsbehandlung, medizinische Rehabilitation oder Selbsthilfegruppen.
Hausärztinnen und Hausärzte können ebenfalls eine wichtige erste Anlaufstelle sein.
Wichtig: Wer regelmäßig große Mengen Alkohol konsumiert oder von bestimmten beruhigenden Medikamenten abhängig ist, sollte diese nicht ohne ärztliche Rücksprache abrupt absetzen. Ein Entzug kann schwere und unter Umständen lebensbedrohliche Komplikationen verursachen.
Wo findet man Hilfe?
Über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und das Suchthilfeverzeichnis können Betroffene sowie Angehörige geeignete Beratungs- und Behandlungseinrichtungen finden.
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: https://www.dhs.de
- Suchthilfeverzeichnis: https://www.suchthilfeverzeichnis.de
- Wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen: https://www.gesundheitsinformation.de
Bei akuten medizinischen Notfällen gilt in Deutschland die Notrufnummer 112.
Der Weg aus der Selbsttäuschung beginnt mit Ehrlichkeit
Die vielleicht schwierigste Erkenntnis bei einer Suchterkrankung lautet nicht unbedingt „Ich bin abhängig“, sondern zunächst: „Mein bisheriger Umgang mit dieser Substanz schadet mir, und ich brauche möglicherweise Unterstützung.“
Niemand muss sein gesamtes Leben von einem Tag auf den anderen verändern. Doch solange problematisches Verhalten ständig entschuldigt, verharmlost oder geleugnet wird, bleiben wichtige Möglichkeiten zur Veränderung ungenutzt.
Krankheitseinsicht entwickelt sich häufig schrittweise. Zweifel, Rückschläge und widersprüchliche Gefühle können zu diesem Prozess gehören.
Wer beginnt, die eigenen Konsummuster ohne Beschönigung zu betrachten, schafft eine wichtige Voraussetzung für weitere Schritte.
Denn der Ausstieg aus einer Abhängigkeit beginnt nicht damit, sich selbst zu verurteilen. Er beginnt damit, die eigene Realität ernst zu nehmen und Hilfe zuzulassen.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, psychotherapeutische Behandlung oder individuelle Suchtberatung.
